Guatemala

Abstecher in die Wildnis Mittelamerikas

von Katrin Rapp

Kurz bevor mein mexikanisches Studenten-Visum ablief, reiste ich für etwa 10 Tage nach Guatemala aus, um anschließend bei der Rückreise nach Mexiko wieder ein neues Visum zu bekommen. Allerdings hatte ich von Städten und Menschen­massen nach einem Semester in Mexikos zweitgrößter Stadt Guadalajara erstmal genug und war in Chiapas gerade sehr neugierig auf die Maja-Kultur geworden, sodass ich in Guatemala letztlich wenig vom Leben der Menschen heute erfuhr, dafür jedoch eine spannende Zeitreise durch den Dschungel unternahm.

Zunächst besuchte ich die Maya-Stadt «Tikal». Das gesamte Gelände, über das sich diese Stadt erstreckt, ist so groß, dass ich dort den ganzen Tag verbracht habe. Und die Pyramiden so steil, dass man sich Zeit lassen will mit dem Hochklettern. Das Leben der Mayas in diesen Stadtstaaten ist umso erstaunlicher wenn man bedenkt, dass es weit und breit keine Flüsse oder Seen gibt. Die einzige Wasserquelle war der Regen und den sammelten sie in künstlichen Becken, mit Kalk abgedichtet. Den Kalk verwendeten sie außerdem für den Stuck und als Zement und er wird nach wie vor zum Mais kochen genutzt (er schält das Korn).

Die Maispflanze war für viele indigenen Völker göttlich; sie ist nach wie vor eine der wichtigsten Lebensgrundlagen der Menschen hier. Ein Schöpfungsmythos besagt, dass der erste Mensch unserer Ära aus Maismasse gemacht wurde. Das Leben des Maisgottes wird durch die Entwicklungsstufen der Maispflanze repräsentiert: Seine Opferung bzw. sein Abstieg in die Unterwelt entspricht der Saat, also dem Moment, in dem das Maiskorn im Dunkel der Erde "begraben" wird. Die Reinkarnation bzw. Wiedergeburt des Gottes entspricht der Keimung des Samenkorns und schließlich kehrt der Maisgott wieder ans Sonnenlicht zurück, was dem ersten Spross der Pflanze entspricht. So endet in der Vorstellung der Maya das Leben nicht mit dem Tod sondern ist ein unaufhörlicher Kreislauf, wie der der Maispflanze.

GUATEMALA: Der Dschungel lebt

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Die Aufgabe der Menschen war, diesen Kreislauf zu erhalten. Dafür mussten sie den Göttern Opfer bringen, Blut oder gar Menschenleben. (Nur wenn Maiskörner gesäht werden, können neue Pflanzen wachsen.) Auch das weit verbreitete Ballspiel war Teil dieser Zeremonien. Einerseits war das Ziel des Spiels, den Ball immer in Bewegung zu halten (wofür nur Schultern, Ellbogen, Hüfte und Knie verwendet werden durften) und andererseits wurde am Ende ein Mensch geopfert. In manchen Stadtstaaten wurde der Gewinner geopfert, in anderen der Verlierer(?)! Jeder Reiseführer hat das ein bisschen anders erzählt... Kein Wunder, denn als geschichtliche Quelle dienen einzig einige weit über 1000 Jahre alte Stuckreliefs und Malereien.

Der Reiseführer in Tikal erzählte, dass man lange glaubte, Tikal sei der größte Stadtstaat der Maya gewesen. Bis man "El Mirador" entdeckte. Das sei noch garnicht lange her und bis heute sei noch recht wenig restauriert worden, der größte Teil sei noch vom Urwald überwachsen, es gäbe keine Straßen, die dorthin führten und man müsse eine Zweitageswanderung in Kauf nehmen, allein um dort anzukommen. Mit Packeseln, die sämtliches Trinkwasser tragen. Klingt spannend, oder? Dachte ich mir auch, und deswegen war mein erster Weg am Abend, zurück aus Tikal, rein ins nächste Reiseagentürchen, um zu fragen, wann das Abenteuer losgehen kann. Die Antwort: Morgen früh um 7 Uhr!! Mit einem französischen Pärchen.

Also am Abend nochmal ausgiebig geduscht (denn es gibt in dieser Gegend wie gesagt keine Flüsse oder Seen, sondern nur sehr begrenzte Regen­wasser­vorräte, die nicht zum Touristenduschen verschwendet werden) und Wechsel­klamotten, Schlafsack, Moskitorepellent, Zahnbürste und Kamera eingepackt. Um die Packesel, das Essen und Wasser für 6 Tage und die Hängematten kümmerte sich die Reiseagentur.

Jeden Tag wurde meine Haut von neuen Schweiß- und Moskito-Repellent-Schichten überzogen und die Schuhe von Schlamm bedeckt; ich hab mich noch nie so dreckig gefühlt, aber nur von außen. Innen fühlte ich mich jeden Tag "reiner", und ich erinnerte mich, dass es genau das war, wonach ich mich in Guadalajara ab und zu gesehnt hatte: Ein paar Tage einfach nur im Wald laufen. Frische Luft, wenige Menschen, wenig Programm und viel Grün. Wir sind insgesamt etwa 100 km gelaufen, was aber nicht allzu anstrengend war, denn die Gegend ist absolut flach - bis auf die «künstliche Hügel», erbaut von den Maya, vor 2000 Jahren!

Jeden Abend durften wir von einer anderen Pyramide aus den Sonnenuntergang genießen und in allen Himmelsrichtungen gab's bis zum Horizont nur Urwald zu sehen. Manchmal saßen wir nur zu fünft obenauf, denn die Wanderung ist nicht jedermanns Sache.

Tikal, Guatemala  Größere Ansicht

So verlassen und fast weltfremd die Pyramiden einerseits scheinen, so lebendig wirken sie andererseits, mittendrin im Dschungel und als Teil dessen. Der Dschungel schützt sie einerseits vor Verwitterung und den Schritten der Besucher, andererseits versteckt er die Schätze vor ihren Augen und so manche Wurzel sprengt, was Mayahände zusammenfügten. Ein Baum, "matapalo" genannt, kann nur leben, wenn dafür ein anderer stirbt. Matapalo heißt "Stammtöter"; diese Spezie windet ihre Schlingen fest um einen andern Baum, immer höher und höher. Erst wenn jener erwürgt ist, ist dieser selbst stabil genug um frei zu stehen. Er wird auch "Baum des Todes" oder "Baum der Liebe" genannt. Auch hier gehen Schöpfung und Zerstörung Hand in Hand.

Und auch in der Tierwelt gibt's viel zu entdecken: So sahen wir bereits Spuren eines Jaguars sowie eines Tapirs auf unseren Wegen; des öfteren hangelten sich Spinnenaffen hoch über unseren Köpfen von Baum zu Baum; Brüllaffen hätte man ihren Lauten nach glatt für Löwen halten können; einmal entdeckten wir eine Kolonie von "pizotes" (ich glaub das ist eine Art Ameisenbär); Tucane trällerten oft bei Sonnenuntergang ihre froschgequaksähnlichen Gesänge; in den düsteren Gängen der Mayabauten hausten Fledermäuse. Weniger angenehm waren die Zecken und die Spinnen, deren Augen nachts das Licht der Stirnlampe reflektierten und einen scheinbar kampflustig anfunkelten.

Umso faszinierender waren die höchst koordinierten Leistungen eines anderen kleinen Tierchens, die der Blattschneideameise. Von nah und fern schleppen diese Kollegen Blattstückchen, die um ein Vielfaches mehr wiegen als ihr eigenes Körpergewicht, in ihre Stadtstaaten. Dafür nutzen sie immer dieselben Wege. Und da sie so viele sind und diese Wege stetig auf und ab wandern, entstehen richtige Trampelpfade! Die sind etwa 10 cm breit, wahre Ameisenautobahnen also, in ihrem Maßstab etwa 10-spurig!

Auch wenn ich auf diesem Abstecher nur wenigen Guatemalteken begegnete, hat mich der Aufenthalt jenseits der mexikanischen Grenze tief beeindruckt. Ihre Vorfahren, ihre Landschaft und nicht zuletzt die vier-, sechs- und achtbeinigen Landsmänner haben mich wirklich oft zum Staunen gebracht!!

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