Chile

Auslandsaufenthalt an der Universidad de Talca

von Ludwig Richter

Die größte Herausforderung eines Auslandssemesteraufenthalts in Chile ist sicher die Verständigung. Selbst die Chilenen meinen, dass sie einen der schwierigsten spanischen Dialekte sprechen, bedingt durch umgangssprachliche Wortendungen (-po), Verbbeugungsveränderungen (-ai statt -as) und die unzähligen "Chilenismos". Der UNICERT-Kurs in Dresden ist zwar eine gute Grundlage, hilft aber bei wenig Praxiserfahrung in den ersten Wochen nicht viel... Trotzdem sind die Chilenen Ausländern (auch denen die sich schlechter verständigen können) gegenüber sehr offen und hilfsbereit, was aber nicht gleichzusetzen ist mit dem vielleicht erwarteten sehr südländischem, ausschweifendem Temperament. Chilenen sind eher zurückhaltend und nicht immer sehr kommunikativ, wenn der erste Smalltalk beendet ist.

Die Universidad de Talca besitzt neben dem Hauptcampus in Talca einen zweiten kleineren für die Studierenden der Ingenieursstudiengänge, welcher sich in einer anderen Stadt (Curicó, ca. 70 km nördlich) befindet. Die angebotenen (Pflicht-) Spanischkurse finden jedoch nur in Talca statt. Mir haben letztendlich Gespräche mit Freunden oder das Lesen von spanischen Büchern bzw. Texten für die Uni mehr gebracht als der angebotene Kurs. Mit diesem Hintergrundwissen ist es meiner Meinung nach eher empfehlenswert, ein Zimmer in einer Familie bzw. einer chilenische WG zu suchen als eins der Zimmer zu mieten, die die Uni vermittelt (zudem sehr teuer für chilenische Verhältnisse, ausserdem wohnen dort alle Austauschstudis). Residencials sind sehr verbreitet und man wohnt dort meist mit einer Familie, die einige Zimmer an Studierende, Arbeiter etc. vermietet.

Viele der chilenischen Kommilitonen und Kommilitoninnen wohnen jedoch noch bei ihren Eltern. Generell ist man hier sehr viel stärker an die Familie gebunden, beinahe jedes Wochenende ist man dort, wenn man nicht schon dort wohnt. Viele wohnen zudem in anderen Städten bzw. auf dem Land, was es manchmal schwierig macht, etwas mit gemeinsam zu unternehmen. Die Interessen der Austauschstudierenden (z.B. das Land kennenlernen) decken sich auch selten mit denen der Einheimischen, die sich am Wochenende oft "nur" ausruhen. In Curicó, wo ich studierte, fanden die meisten Parties deshalb bereits am Donnerstag statt. In dieser kleinen Stadt war die Auswahl nicht gross, es gab meistens die gleiche Musik (sehr verbreitet: Reggaetone). Livemusik ist eher untypisch für Chile.

CHILE: Eindrücke aus Südamerika

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Das Niveau der chilenischen Universitäten erinnert mehr an deutsche Schulen als an eine Universität. Es sind meistens kleine Kurse (bis max. 40 Leute) und der/die Professor/in erklärt oft alles so lange, bis es jeder verstanden hat. Der Lehrstoff ist im Vergleich weniger tiefgehend. Viel Zeit geht auch durch Ausfall, Zuspät­kommen und organisatorische Fragen verloren. Wäre die Sprach­her­aus­forderung nicht gewesen, hätte ich mich unterfordert gefühlt... Ein weiterer Unterschied ist, dass es während des Semesters Kontrolltests und viele Projekt­arbeiten gibt und am Ende des Semesters nur dann eine Prüfung zur Verbesserung, wenn man eine zu schlechte Durchschnittnote besitzt. Die Noten reichen von 1 bis 7 (die beste), bestanden hat man ab 4,0. Bei den Projekten, die meistens in Gruppen erarbeitet werden, sind die Kommilitonen in der Regel sehr hilfsbereit, so dass ich nie Probleme hatte.

Generell stellt sich jedoch die Frage, wofür die enormen Studiengebühren (ca. 3000 Euro pro Semester) ausgegeben werden. Die Qualität der Lehre ist bei weitem nicht mit Deutschland zu vergleichen. Ein Großteil der Mittel wird in Werbung und das äussere Erscheinungsbild investiert. Viele Chilenen können sich ein Studium nur über Stipendien leisten und stehen so unter hohem Erfolgsdruck.

Ansonsten sind die Lebenserhaltungskosten im Vergleich zu Deutschland jedoch günstig (verglichen mit den Nachbarstaaten wie Bolivien oder Perú aber teuer), es gibt aber auch sehr starke regionale Schwankungen. Besonders Nahrungsmittel sind in Talca/Curicó sehr günstig. Frisches Obst und Gemüse gibt es immer auf dem Markt, selbst deutsche Produkte (teuer, weil importiert) kann man im Supermarkt kaufen. In Restaurants bzw. an Imbissen gibt es jedoch nur selten vegetarische Speisen, Fleisch ist das Hauptnahrungsmittel. Ausgenommen im Winter ist Grillen ein sehr verbreitetes Hobby. Angeblich wird auch zu Weihnachten gegrillt. Viel Fleisch und reichhaltige Salate, besonders zum 18. September, dem Nationalfeiertag, an dem (und den Tagen davor) das ganze Land kopfsteht.

Talca, Chile  Größere Ansicht

Vorteilhaft ist der in Zentralchile sehr trockene Sommer, Regen gibt es nur im Winter. Da es aber so gut wie keine Heizungen (nur Gasheizer o.ä.) in den Wohnungen gibt, fühlen sich die Wintertemperaturen (0-14 °C) sehr kalt an und man sollte warme Sachen mitbringen. Auch kann es vorkommen, dass man die Sonne über mehr als eine Woche nicht sieht, da es oft sehr neblig ist bzw. wenn es regnet, regnet es meist für mehrere Tage - sehr intensiv! Finanziell lässt sich mit Auslandsbafög und Kindergeld sehr gut leben. Auch für kleinere Reisen bleibt genug übrig, da öffentliche Transportmittel (es gibt sehr viele Busanbieter) sehr günstig sind. Neben der chilenischen Kultur und der liebenswerten Menschen ist es ja besonders das enorm grosse und abwechslungsreiche Land, was einen Aufenthalt so attraktiv macht.

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