Mexiko

Der Kupfercanyon - La barranca del cobre

von Tim Leonhardt

Die üblichen Assoziationen mit Mexiko kreisen meistens um traumhafte Strände in der Karibik, Pyramiden und Ruinen der Maya oder Azteken sowie literweise Tequila. Ich möchte an dieser Stelle auch mal ein anderes, für mich wesentlich schöneres und interessanteres Bild von Mexiko zeichnen, welches einen kleinen aber auch umso wahreren Teil Mexikos beschreibt.

Unsere Reise (meine Freundin und ich) durch die Kupferschluchten (Barrancas del Cobre) im Norden Mexikos begann in Los Mochis mit dem Einstieg in den Chepe, einer von Dieselloks gezogenen Eisenbahn. Wir wollten nicht direkt am flächen­mäßig den Grand Canyon übertreffende Schluchtenareal vorbeihuschen und so fuhren wir zunächst bis zur Bahnstation von Bahuichivo. Dort nahmen wir, sowie gefühlte 15 weitere Gefährten, in einem 10-Mann-Colectivo (Sammeltaxi) Platz und holperten in 3 Stunden die gut 50 km nach Urique. Auf dem Weg dorthin wurden uns einige Geschichten von früher erzählt. So auch, dass man vor einem halben Jahr noch gut 8 Stunden für diese Strecke gebraucht hat.

Die einsetzende Dunkelheit verschleierte zunehmend den Weg. Plötzlich tauchten vor uns Lichter auf, die ganz nah schienen und zu unserem Ziel Urique gehörten. Über eine Stunde und unzählige Serpentinen später waren wir dann im Dorf - im tiefsten Tal des Kupfercanyons. Nach einer erholsamen Nacht im Hotel «Cañón de Urique» wollten wir voller Tatendrang zu unserer ersten Wanderung aufbrechen. Allerdings begrüßte uns ein den ganzen Tag lang, nie enden wollender Regen­schauer sowie ein bald darauf einsetzender Stromausfall, was uns zu einem vollständigen Ruhetag verhelfen sollte. Wir nutzten die Zeit, um uns vom freund­lichen Hotelbesitzer die Gegend und die schönsten Wanderrouten erklären zu lassen. Er lieh uns sogar ein Buch, in dem einzelne Routen eingezeichnet waren.

Am nächsten Tag überraschte uns ein komplett anderes Bild - strahlend blauer Himmel ohne eine einzige Wolke. Der Weg war geplant und so ging es auf nach Guadalupe, einer Gemeinde der Rarámuri - der Einwohner der Barranca del Cobre. Die Strecke dorthin ist auch Teil eines Ultramarathons, welcher von den Rarámuri dominiert wird, obwohl sie nicht in gedämpften Sportschuhen, sondern mit einer Art Holzlatschen laufen.

Kurz vorm Ziel breitete sich vor uns einer breiterer Ausläufer eines kleinen, schnell strömenden Flusses aus. Zögerlich standen wir am Ufer und überlegten, ob wir eine Überquerung wagen sollten. Da kamen von hinten zwei Rarámuri- Frauen, eine mit einem Kind auf dem Rücken und durchquerten ohne groß nachzudenken das eisige Wasser. Auf der anderen Seite angekommen, drehten sie sich um und ermunterten uns, es ihnen gleich zu tun. Wir standen immer noch etwas entscheidungslos herrum, da kehrte eine der beiden auch schon auf unsere Seite zurück und half uns abstützend ans andere Ufer. Auf dem weiteren Weg wurden wir dann auch gleich noch zur abendlichen Fiesta eingeladen.

Der nächste Tag brachte eine weitere Wanderung, diesmal abseits des Uriqueflusses die steilen Anstiege des Canyons hoch. Zugegeben, für die ca. 20 km lange Straße hoch zum Aussichtspunkt nahmen wir die Dienste des Colectivos in Anspruch, welches einmal pro Tag nach Bahuichivo und zurück fährt. Der Ausblick in die Schlucht von Urique ist der absolute Wahnsinn. Ich hätte diese Schluchtenlandschaft, die sich vor mir aufbäumte, ewig genießen können. Felswände an denen riesige Kakteen und vereinzelte kleine Wasserfälle bestaunt werden können, dazu eine Ruhe - einfach ein atemberaubendes Naturerlebnis, welches man nicht erfährt, wenn man den direkten Weg mit dem Chepe wählt.

Den Rückweg über 1000 Höhenmeter zurück ins Tal genossen wir dann zu Fuß entlang der Serpentinen. Ausruhen war aber noch nicht angesagt. Abends wurde noch die Jungfrau von Guadalupe gefeiert. Hierzu tanzten die einheimischen Männer, mit für uns lustig anmutenden Kostümen, eine Art Fruchtbarkeitstanz. Das Sahnehäubchen dieses herrlichen Tages stellte sich uns in Form eines nie da gewesenen Sternenhimmels dar.

Am folgenden Tag fuhr uns das Colectivo vorbei am Aussichtspunkt des Vortages wieder zur Bahnstation nach Bahuichivo. Mit dem Chepe wurde dann unsere Reise durch den Norden Mexikos fortgesetzt, auf der wir abseits der typisch touristischen Pfade, auch unterstützt durch ein wenig Spanischkenntnisse, die wahre Freundlichkeit und Herzlichkeit Mexikos erlebten.

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