Mexiko

Ein Jahr im Land des endlosen Sommers

von Christian Zeiß

Von meinem Jahr in Mexiko habe ich fast nur gute Erinnerungen mit nach Hause genommen. Ich habe es als höchst abwechslungsreiches und wunderschönes Land erlebt. Für Reiselustige bietet dieses Land eine unglaubliche Auswahl: sei es auf den Vulkan oder zum Strand, ob Metropole oder unzugängliche indigene Kommune, alles ist möglich. Und ist das Geld mal knapp, warum nicht per Anhalter hinten auf dem Pick-up mitfahren und anschließend wild an einem fast unbe­suchten Strand zelten? So etwas wird dort nicht so eng gesehen. Wie an sich auch vieles dort recht, sagen wir, flexibel angegangen wird. Denn so ist die mexika­nische Lebensart: herzlich, unkompliziert und ausgesprochen gast­freundlich.

Das Formelle ist allerorts (z.B. in Geschäften, an der Uni, bei Bewerbungen etc.) immer schnell vergessen und es darf sich geduzt und geplaudert werden. Ebenso darf man nicht vergessen, dass es neben der «offiziellen» Kultur einen großen und diversen indigenen Bevölkerungsteil (56 verschiedene Sprachen) gibt, der die nationale Kultur natürlich nochmal ganz besonders prägt. Das spiegelt sich auch im Straßenbild wieder. Es gibt natürlich auch in der Stadt ruhige Plätze zum Ausspannen, auf der Straße herrscht jedoch meist ein reges, lautes und buntes Treiben und auch in dem kleinsten Dorf darf eine Plaza mit Bühne für Live-Musik nicht fehlen.

Ansässig war ich in der Stadt Guadalajara im Bundesstaat Jalisco. Diese Stadt, aus der die Mariachimusik kommt und in deren Nähe sich ein kleines Dörfchen namens Tequila befindet, ist die zweitgrößte Stadt Mexikos (wenn auch kein Vergleich zur Nummer eins, der Ciudad de México). Trotz ihrer Größe wird dieser Stadt ein gewisser dörflicher Charakter zugeschrieben. Was ich nur bestätigen kann und daran liegen mag, dass die Stadt eigentlich aus vier ehemals einzelnen Städten besteht, die zur Zona Metropolitana de Guadalajara zusammenwuchsen. Auch verkörpert sie einen Kontrast, den ich für Mexiko recht typisch fand: das Zusammentreffen von Tradition und Moderne.

Die Bevölkerung hält viel auf ihre traditionelle nationale Kultur, doch die Jugend will globalen Trends nicht hinterherhinken. Auch der große Einfluss des Nach­bar­landes USA spielt hierbei eine Rolle. Der Zusammenstoß der alten und neuen Werte geht sicher nicht immer reibungslos vonstatten. So ist z.B. Guadalajara eine besonders katholische Stadt, was sich in oft recht strengen Eltern­häusern widerspiegelt, andererseits ist sie aber auch Heimat der lebhaftesten Gayszene Mexikos.

Durch die Stadt bewegt man sich am Besten mit dem öffentlichen Nahverkehr, der aus rumpeligen Bussen und einer Metro besteht. Letztere fährt aber nicht wirklich auf einem weiträumigen Schienen­netz, sondern auf zwei Achsen, die sich im Zentrum treffen. Insgesamt kommt man sehr preisgünstig von A nach B, auch mit den allgegenwärtigen gelben Taxis.

Aufgrund der Größe der Stadt ist es sicher nicht verkehrt, wenn natürlich auch kein Muß, sich zum Wohnen etwas in Uni-Nähe zu suchen. Mir ist das eher zufällig passiert, es hat sich aber als recht komfortabel erwiesen. Gewohnt habe ich im Zentrum in einem der vielen Patiohäuser (meist einstöckige Häuser mit großen Innenhöfen). Ehemals vom höheren Bürgertum bewohnt, wurden diese ge­räumigen und schönen Bauwerke mittlerweile von den Studenten und sonstigen alternativen Lebensformen erobert und sind preisgünstig zu haben. Im Preis enthalten ist auch, dass man im Mittelpunkt einer lebhaften, interessanten Szene wohnt. Für mich war das Miteinander zwischen und in den Häusern ein absolutes Highlight, vielen ging es ebenso. Bei so viel buntem Volk bleiben natürlich Fiestas nicht aus, als stiller Rückzugsort ist es also weniger geeignet.

MEXIKO: Ein Jahr im Land des endlosen Sommers

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Studiert habe ich an der Universidad de Guadalajara (UDG). Neben vielen privaten Universitäten ist das die staatliche Uni Guadalajaras. Diese ist in verschiedenen Zentren in der ganzen Stadt sehr dezentral organisiert wobei ich am Zentrum für Human- und Sozialwissenschaften, CUCSH genannt, war. Im Vorfeld habe ich viel Gemischtes über die Qualität des Unterrichts an der UDG gehört, kann dies jedoch überhaupt nicht bestätigen. Auch wurde mir in jeglichem Anliegen immer kompetent weitergeholfen. Die Atmosphäre unter den Studenten war für mich ein weiterer Höhepunkt. Überlaufen von Austauschstudenten, verstellten sich die einheimischen Studenten dennoch in keinster Weise und es entstanden viele Freundschaften quer durch die Nationalitäten. So fühlte ich mich nach einer Woche schon angekommen und aufgenommen, eine besondere Spezialität der Mexikaner.

Mein Praktikum habe ich bei einer staatlichen Einrichtung, die sich um die Belange der indigenen Bevölkerung kümmert, absolviert (Comisión Nacional para el Desarollo de los Pueblos Indigenas, CDI). Abgesehen von dem wieder mal sehr freundlichen Arbeitsklima und der leichten Zugänglichkeit, eine sehr interessante Erfahrung. Besonders wenn man bedenkt, dass man sich dem Leben der indigenen Mexikaner, welche leider immer noch einen Großteil der Unterschicht ausmachen, sonst eher selten annähert.

Mit der Lage der indigenen Bevölkerung ist auch die extreme Diskrepanz zwischen arm und reich angesprochen. Dies ist ein Zustand der einen, besonders als Bewohner der «Ersten Welt», oft schocken kann. Denn, und darauf brauche ich sicher nicht näher eingehen, ist in Mexiko nicht alles nur das süße Leben. Man denke z.B. neben der angesprochenen Armut an den eskalierenden Drogenkrieg im Norden, die Korruption und das ungleiche Bildungs- und Gesundheitssystem. Doch ich denke, auch diesen Impressionen kann man positiven Input abgewinnen. Ebenso kann ich das von manchen gehegte, allzu negative Bild Lateinamerikas («Da wird man ja an jeder Ecke ausgeraubt») nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil ist mir so gut wie nichts Nennenswertes passiert und ich habe mich in der gesamten Zeit sehr sicher gefühlt.

Sicher gibt es viele Möglichkeiten seinen Aufenthalt in Mexiko zu gestalten... Wer allerdings Lust auf ein Land mit einem offenen, freundlichen Menschenschlag und einer abwechslungsreichen und wunderschönen Natur hat, ein Bisschen mehr Trubel und Lautstärke und herzhaftem, nicht gerade vegetarischem Essen was abgewinnen kann und einmal Lust auf einen endlosen Sommer hat, der kann sich in Mexiko nur wohl fühlen.

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